Samstag, 5. September 2015

2. Kapitel von "Blina und Flair" (von nadja schuhmacher 2005)



„Mir ... mir ist das völlig egal“, stammelte Joke. „Mir isses egal, auf welches Kotzniveau ich mich runterlasse, solange ich ihnen ... solange ich ihnen nur Schmerzen zufügen kann.“

„Und das werden wir“, sagte Brian nachdrücklich. „Das werden wir auch, Junge.“

„Macht kein´ Scheiß, Jungs“, sagte Franka besorgt. „Du hast gesagt, du kennst nicht mal ihre Namen, Joke. Wie willst du die Typen wiedererkennen?“

„Hättest du nicht schon seit einer Stunde zuhause sein sollen?“, fragte Flair mich plötzlich. Ich zuckte zusammen. „Ja, shit.“

„Ich bring dich heim“, bot sie an.

„Ne, is´ schon okay.“

Ich gab ihr Geld, damit sie für mich zahlen konnte, verabschiedete mich und verließ das Lokal. Den Weg nach Hause rannte ich.



Sie hatten den Schlüssel von innen stecken lassen, so dass ich nicht aufsperren konnte. Das machten sie immer, wenn ich zu spät kam. Damit ich mich nicht reinschleichen konnte. Wütend klingelte ich. Mein Vater öffnete die Tür.

„Es ist fast Mitternacht“, sagte er mit mühsam unterdrücktem Zorn in der Stimme. Auf seiner roten Oberlippe glänzte Schweiß. Das wenige, farblose Haar auf seinem dicken Schädel stand in allen Richtungen weg. Er trug einen einteiligen lila Pyjama. Ich wollte mich an ihm vorbeidrücken, hatte keine Lust auf seine Wutausbrüche, doch seine bullige Figur versperrte mir den Weg.

„Tut mir leid“, sagte ich halbherzig. „Kann ich jetzt nach oben? Ich bin müde.“

„Du wirst es nicht glauben, aber ich bin auch müde“, rief er hitzig. „Du hast mich aus dem Schlaf geklingelt.“

„Selbst schuld“, murmelte ich.

„Was hast du gesagt?“, fragte er mit gefährlich ruhiger Stimme und beugte sich zu mir nach unten.

„Hättet ihr halt den Schlüssel von innen abgezogen“, sagte ich fester.

„Willst du mir irgendetwas vorschreiben?“, fragte er und knirschte mit den Zähnen. Mir zog es den Magen zusammen.

„Nö“, sagte ich.

„Das will ich dir auch geraten haben. Und jetzt Abmarsch ins Bett.“

Ich zwängte mich an ihm vorbei und lief die Treppe nach oben in den ersten Stock, wo sich mein Schlafzimmer befand. Ich lag noch lange wach und dachte über Joke und seine Schwester nach. Ohne eine Lösung gefunden zu haben, fiel ich schließlich in einen unruhigen Schlaf.

Der nächste Tag war ein Montag. Obwohl ich hundemüde war, hatte ich keine Chance, meiner Mutter eine Erkältung vorzuspielen, um nicht in die Schule zu müssen. Ohne einen Blick in den Spiegel zu werfen oder meine Haare endlich zu kämmen zog ich an, was mir grad in die Hände kam, und verließ das Haus ohne Schultasche. Das Jahr neigte sich ohnehin dem Ende zu, im Unterricht würde sich nichts mehr abspielen. Ich genoss den Wind beim Fahrradfahren. Er weckte meine Lebensgeister. Ich merkte, dass ich ein T-Shirt von meinem großen Bruder trug.

Vor unserem Klassenzimmer wartete ein Junge, den ich nicht kannte. Er stand etwas abseits von meinen Klassenkameraden und blätterte in einer Zeitschrift. Sein Haar war schwarz-rot gefärbt und stand stachlig in alle Richtungen ab. Ansonsten sah er ziemlich gut aus. Es wunderte mich, dass er noch nicht umzingelt von den Zicken meiner Klasse war.

„Hi“, sagte ich an niemand Bestimmtes gewandt und lehnte mich neben ihn.

„Wo hast du deine Schultasche gelassen?“, fragte Marion mit affektierter Stimme.

„Zuhause. Vergessen“, sagte ich bemüht lässig. Der Junge mit der schwarz-roten Haarpracht sah kurz von seiner Zeitschrift auf.

„Was hast du denn für ein Hemd an?“, fragte Marion und tat überrascht.

„Siehst du doch“, erwiderte ich.

„Es sieht merkwürdig aus. Wie ein Jungenhemd.“

„Was ist an einem Jungenhemd merkwürdig?“, fragte ich.

Sie wandte sich von mir ab. Ich drehte mich zu dem Jungen um. „Was machst du hier? Du gehörst nicht in unsre Klasse, oder?“

Er sah mich kurz an ohne zu reagieren. Ich wartete noch drei Sekunden ab, dann tippte ich ihm zweimal auf die Schulter. Er tat, als wäre nichts geschehen und hob den Blick nicht von seiner Zeitschrift.

„Bist du eine Wachsfigur?“, fragte ich. „Was liest du da?“

„Er redet nicht“, sagte Simone und warf ihre blonden Locken über die Schulter. „Ich hab es auch schon versucht.“ Sie zwinkerte mir zu. „Stumm wie´ n Fisch.“

„Wirklich stumm?“, fragte ich überrascht.

„Ne, nur kein Bock zu reden“, sagte er plötzlich. „Je déteste la langue allemande.“

„Wie bitte?“, fragte ich. In diesem Moment kam der Lehrer. Nachdem er aufgesperrt hatte, strömten die Schüler ins Klassenzimmer.

„Wir haben einen neuen Schüler“, sagte der Lehrer und legte eine Hand auf die Schulter des Neuen. „Das ist Jens Neumeier. Er war ein Jahr in Frankreich und ist jetzt zurückgekehrt, um in dieser Klasse zu bleiben. Eigentlich würde er schon in die Zehnte gehen. Setz dich neben Lena, Jens.“

Er setzte sich neben mich. „Ich heiß Blina, nicht Lena“, sagte ich zu ihm, ohne meine Stimme zu dämpfen.

„Es ist mir egal, wie du heißt“, sagte er in derselben Lautstärke.

Mir blieb die Spucke weg. Dann hob ich eine Hand. „Ich möchte, dass er woanders sitzt“, sagte ich zum Lehrer.

„Lena“, sagte er entrüstet. „Er ist neu in dieser Klasse, also sei nett zu ihm. Hilf ihm, sich zu integrieren.“

„Wie soll ich ihm helfen, sich in diese Klasse zu integrieren, wenn ich selbst nicht integriert bin?“, fragte ich fassungslos.

„Dann integriert euch eben gemeinsam. Zu zweit ist alles leichter.“

„Das Schuljahr ist beinahe um. In dieser Woche schaffen wir das nie“, rief ich wütend. „Und nächstes Jahr setz ich mich ganz bestimmt woanders hin.“

Der Lehrer ignorierte mich jetzt und legte einen Video auf.

„Du bist nicht besonders nett, Blina“, sagte Jens.

„Wie war´ s in Frankreich?“, fragte ich.

„Musst du selbst erleben, sonst wirst du´ s nicht kapieren“, sagte er nach einer Weile.

„Also war es gut?“, fragte ich.

Er nickte.

„Warum hast du deine Haare so gefärbt?“, fragte ich. „Bist du ein Punker?“

„Was ist das für eine Frage?“, fragte er.

„Keine Ahnung. Rhetorische? Kenn mich mit Grammatik nicht so aus.“

„Ich hab mir die Haare gefärbt, weil es die Leute provoziert“, sagte er.

„Mich provoziert es nicht.“

„Mich provoziert es auch nicht, dass du ein T-Shirt mit der Aufschrift Anonymer Alkoholiker trägst.“

„Was hat das mit dem Thema zu tun? Das T-Shirt gehört meinem Bruder.“

„Ich muss aufs Klo“, sagte er.

„Dann musst du dich melden und um Erlaubnis bitten, oder war das in Frankreich anders?“

Ohne auf meine Worte zu achten stand er auf und verließ das Klassenzimmer.

„Wo ist er hin?“, fragte der Lehrer erstaunt.

„Auf die Toilette“, sagte ich genauso verblüfft. Während er weg war, merkte ich, dass ich, so kühl ich äußerlich auch tat, innerlich furchtbar aufgeregt war. Mein Herz schlug heftiger denn je und meine Handflächen waren schweißnass. Gedanken wirbelten mir durch den Kopf, die ich im nächsten Moment wieder vergessen hatte. Nur einer blieb bestehen: Ich hatte mir seit zwei Tagen die Haare nicht gekämmt.

Jens kam zurück. Der Lehrer sprach ihn nicht an. Jens setzte sich nicht wieder neben mich an die Schulbank, sondern legte sich flach auf den Boden.

„Ich möchte mich ausstrecken“, erklärte er mir gähnend.

Ich blieb stumm.

In der Pause gingen wir in den Pausenhof und er drehte sich unter meinen Augen einen Joint.

„Hast du keine Angst, dass ein Lehrer dich dabei erwischt?“, fragte ich und beobachtete seine Finger. Er schüttelte den Kopf.

Dann begrüßte er einige seiner ehemaligen Klassenkameraden, die er seit einem Jahr nicht mehr gesehen hatte.

„Willst du mal ziehen?“, fragte er, als wir wieder allein waren. Ich wusste nicht, warum ich mich an ihn gehängt hatte, anstatt ihn in Ruhe zu lassen, doch er schien nichts dagegen zu haben. Ich lehnte dankend ab. „Das ist eine Droge.“

Er hauchte den Rauch aus. „Darüber reden wir ein andermal“, sagte er. „Jetzt will ich mich einfach nur entspannen.“

Ich hob eine Augenbraue, wie ich es von Brian gelernt hatte, schwieg aber. Ein Mädchen mit einer grünen Haarmähne setzte sich zu uns. „Lass mal ziehen, Jens.“

Ich zog in Erwägung, woanders hinzugehen. Das war zweifelsohne nicht die Gesellschaft in der sich ein vierzehnjähriges Mädchen befinden sollte. Aber starr blieb ich sitzen. Die Sonne schien mir ins Gesicht. Ich hustete.

„Ich hab dich vermisst“, sagte das grünhaarige Mädchen und gab ihm einen Kuss auf den Mund. Ich stand auf und ging woandershin. Mir war ziemlich wirr zumute.

In der fünften Stunde wurden wir nur beaufsichtigt. Die Hälfte der Klasse spielte in kleinen Gruppen Karten, der Rest blätterte in Zeitschriften oder schlief.

„Wann bist du aus Frankreich zurückgekommen?“, fragte ich.

„Freitag“, sagte Jens.

„Irre. Ein ganzes Jahr in Frankreich. Echt Wahnsinn. Haben dich deine Eltern nicht vermisst?“

„Ich wohn bei meiner Tante.“

Ich dachte unwillkürlich an Harry Potter.

„Ist sie nett?“, fragte ich.

„Was?“, fragte er verständnislos. Ich wiederholte die Frage lieber nicht.

„Hast du ein Handy?“, erkundigte ich mich stattdessen. Er schüttelte den Kopf.

„Gegen Handys“, sagte er knapp.

„Warum?“, fragte ich. „Wegen der Strahlung?“

„Wegen der Massenverblödung.“

„Mit deinem Geist gegen das System?“

„Allerdings.“

„Kennst du das Blina?“, fragte ich.

„Natürlich. Scheißkneipe. Ich bin eher im Flair oder im Billardcafé.“

Ich schluckte. „Hm. Kennst du Flair? Also, Veronika?“

„Nur vom Hörensagen. Wieso?“

„Nur so.“

Ich legte meinen Kopf in meine über der Bank verschränkten Arme und gab vor, zu schlafen. Ich löcherte ihn ja geradezu mit Fragen. Er musste sich ja ungeheuer interessant vorkommen. An mir schien er kein bisschen interessiert zu sein.

Als die Stunde um war, durften wir heim. Bei den Fahrradständern merkte ich, dass jemand mein Fahrrad geklaut hatte. Ich hatte es nicht angekettet.

„Fuuuuuuck“, brüllte ich.

Ich hätte am liebsten etwas zerstört. Wild blickte ich mich um. Wer hatte das getan? Wo war mein Fahrrad? Welches grenzenlose Arschloch ... ?

„Alles klar, Blina?“ Es war Jens.

„Mein Fahrrad ist weg“, sagte ich atemlos.

„Reg dich ab“, sagte er. „Kannst es jetzt nicht mehr ändern.“

Ich sagte nichts.

„Du kannst mit mir heimfahren. Meine Tante holt mich ab. Wo wohnst du?“

„Renatastraße.“

Seine Tante war jung und blond. Sie sah aus wie eine Schauspielerin, fand ich.

„Kannst du Blina mitnehmen?“, fragte Jens. „Jemand hat ihr Rad geklaut.“

„Natürlich“, sagte sie und lächelte mich im Rückspiegel an.

„Danke“, sagte ich mit schmerzlicher Miene.

„Gehst du in Jens´ neue Klasse?“, fragte sie mich, während sie losfuhr.

„Ja“, sagte ich.

„Schön“, sagte sie und lächelte mir wieder im Rückspiegel zu. Ich wurde rot, als ich an mein T-Shirt dachte. Hoffentlich sah sie die Aufschrift nicht.

„Ich geh heute Abend wahrscheinlich ins Flair“, sagte er. „Kommst du auch, Blina?“, fragte er mich, als seine Tante mich vor meiner Haustür absetzte.

„Wenn ich’s schaff“, sagte ich erfreut und stieg aus.

Den Tag verbrachte ich mit meinen Haaren. Ich wusch, pflegte und entfilzte sie, steckte sie zu allen möglichen und unmöglichen Frisuren hoch, gelte sie, sprayte sie bis zum Gehtnichtmehr ein, bis ich sie abermals waschen musste, föhnte sie, und beschloss schließlich, sie hängen zu lassen, wie sonst auch. Ich zog mir einen Seitenscheitel und verließ endlich das Bad. Meine Mutter sah mich an, als wäre ich wahnsinnig geworden.

„Was gibt’s?“, fragte ich höflich.

„Was treibst du drei Stunden lang im Badezimmer?“, entgegnete sie.

„War aufm Klo.“

Ich bat meine Mutter um fünf Euro, die sie mir versagte. Nachdem ich das Geld stibitzt hatte, ging ich aus dem Haus. Auf dem Weg ins Flair, den ich zu Fuß zurücklegen musste, was ich ungern tat, versuchte ich, mir Jens aus dem Kopf zu schlagen. Er hatte dort drin nichts zu suchen, egal wie merkwürdig und exorbitant er zu sein schien. Als ich in meiner Zweitlieblingskneipe ankam, war sie noch ziemlich leer. In einer Ecke saß ein Mann mit einem Hund und zwei jungen Mädchen, ansonsten Vakuum. Ein bisschen müde geworden, setzte ich mich an unseren Stammtisch und bestellte ein Radler. Um mir die Zeit zu vertreiben, dachte ich über eine Ausrede für mein Fahrrad nach. Meine Eltern wären kaum erfreut darüber, die Wahrheit zu hören, und ich wollte sie nicht unglücklich machen. Während ich nach einer plausiblen Fahrraddiebstahlgeschichte sann, füllte sich das Lokal allmählich.

Freitag, 4. September 2015

Den Weg nach Hause rannte ich - Auszug aus der Geschichte "Blina und Flair"



2. Kapitel, das von Gesprächen von Schönheit von Gewalt handelt




Seit diesem Tag sahen wir uns regelmäßig. Manchmal ging ich ins Flair, wenn sie nicht im Blina war. Manchmal kam sie zu mir nach Hause, wenn sie mich nicht im Blina getroffen hatte. Es war nicht so, dass es eine von uns gestört hätte, dass die andere sie ständig suchte. Seit wir wussten, wie wir hießen, war uns beiden klar, dass wir zusammengehörten. Wir profitierten beide ungemein von dieser Freundschaft. Wenn wir zu zweit waren, gab es kein Mädchen nirgendwo sonst auf der Welt, dass sich mit uns an Selbstbewusstsein, Witz und Schlagfertigkeit messen hätte können. Wir fühlten uns einfach vollkommen sicher, wenn wir zusammen waren. Weil wir uns so gut kannten. Ich hatte mit ihr soviel Spaß wie noch nie in meinem Leben und durch Flair kam ich das erste Mal richtig in Kontakt mit Jungs, außerschulisch, versteht sich. Trotz ihrer schäbigen Frisur hatte sie eine Menge richtig cooler Freunde. Tatsächlich wurde sie wegen ihrer Haare eher von anderen Mädchen diskriminiert als von Jungs. Mir wurde ganz, ganz langsam klar, dass für coole Menschen das Aussehen nicht wichtig ist. Und dennoch sind coole Menschen sehr viel anspruchsvoller als all diese eingebildeten, uncoolen Tussis und Machos.
„Aussehen ist fucking scheißegal“, sagte Mad zu mir. Er war nicht mehr nüchtern, redete aber doch klügere Sachen als meine Eltern, die niemals Alkohol zu sich nehmen. „Damit will ich nicht sagen, dass du nicht gut aussiehst, Blina. Versteh mich nicht falsch. Ich will sagen, Schönheit ist Schrott genauso wie Hässlichkeit. Ich will es pauschal sagen und nicht persönlich, verstehst du? Es ist wichtig, wie der Mensch innerlich aussieht. Das ist oft nur so daher gesagt, aber es ist wirklich so. Wenn du innerlich in Ordnung bist, wirst du kein Problem in dieser Scheißwelt haben, zumindest nicht mit Integration und so. Ansonsten wirst du natürlich eine Menge Scheißprobleme mit dieser kranken Welt haben, unter der Vorraussetzung, dass du innerlich in Ordnung bist. Aber das ist nicht das Thema, verstehst du? Sieh dich an diesem Tisch um, Blina. Siehst du die Leute, die hier sitzen? Sie sitzen nicht hier, weil sie sich die Haare grün gefärbt haben oder weil sie bestimmte Schuhe tragen. Sie sitzen hier, weil sie innerlich was drauf haben. Und Menschen, die innerlich was drauf haben, erkennen Menschen, die innerlich was drauf haben, verstehst du? Deshalb sitzen wir hier. Hier versammelt. Wenn einer von uns erst mal wieder einen gefunden hat, der was drauf hat, und das heißt nichts anderes, als dass er schlichtweg in Ordnung ist, dann kommt der zu uns dazu, ganz egal, wie er aussieht. Verstehst du?“
„Klar hat sie, sie ist nicht blöd. Frag nicht immer `verstehst du?´, Mad“, sagte Flair.
Ich grinste. Ich mochte es, wenn er `verstehst du?´ fragte.
„Aber wenn Aussehen so egal ist, warum laufen wir dann nicht alle nackt durch die Gegend ohne jemals in einen Spiegel zu schauen?“, fragte ich lachend, aber ich meinte es ernst. „Ich meine, sieh dir Franka an. Sie ist mit dir sicher völlig einer Meinung, also, mit dem, was du gerade gesagt hast, aber trotzdem schminkt sie sich und trägt einfach tolle Kleidung. Ihre Haare sind der Wahnsinn. Oder du selbst: Warum trägst du Kontaktlinsen statt einer Brille? Oder ich: Warum schneid ich meine Haare nicht ab, wär viel einfacher so.“
„Na ja“, sagte Mad gedehnt. „Ich will nicht sagen, Aussehen sei nicht wichtig.“
„Hast du aber. Ich zitiere: Aussehen ist scheißegal.“
„Aussehen ist ja auch scheißegal. Für uns. Aber andererseits auch wieder nicht.“
„Je besser man aussieht, desto besser fühlt man sich. Manche werden dadurch einfach selbstbewusst und offen, andere eingebildet und zickig“, mischte sich Flair ein.
„Wirklich starke Menschen sind auch selbstbewusst und offen, ohne dass sie besonders aussehen“, sagte Mad.
„Trotzdem richten sich die meisten so gut sie können her, einfach, um sich besser zu fühlen. Ich denke manchmal: besser kann ich nicht aussehen, ich gebe schon alles, also seid zufrieden!“ Flair schlug mit der Faust auf den Tisch.
„Na, na, na“, sagte Mad. “Du könntest schon was aus deinen Haaren machen.“
„Aussehen ist Zwang“, sagte Brian. „Wenn du nicht nach irgendwas aussiehst, kommst du in gewissen Kreisen einfach nicht an.“
„In solchen kranken Kreisen will ich gar nicht ankommen“, sagte Mad.
„Zu solchen Kreisen zähle ich Lehrer“, fuhr Brian unbeeindruckt fort. „Eigentlich die meisten Erwachsenen. Arbeitgeber. Politiker. Reiche. Alle, bei denen du ankommen willst, um Einfluss zu gewinnen. Um etwas zu erreichen. Um etwas zu bewirken. Und du kannst nicht behaupten, du wolltest nichts bewirken? Du musst nach irgendetwas aussehen, um etwas zu erreichen.“
„Du hast nicht kapiert, was ich gemeint hab“, sagte Mad gekränkt. „Du redest von was ganz anderem, als ich erklärt hab. Du verstehst nicht das Thema.“
„Kein Wunder, ich hab dir ja auch gar nicht richtig zugehört“, meinte Brian und grinste unschuldig.
„Es geht darum, dass Aussehen kein Kriterium für das Persönliche sein sollte“, sagte Mad leicht gequält.
„Es interessiert mich nicht, worum es geht“, klärte Brian seinen Freund hämisch auf. „Ich wollte nur ein paar intelligente Sätze ablassen, um Franka zu beeindrucken, weil sie heute einfach geil aussieht.“
„Seht ihr, er hat nichts begriffen“, greinte Mad.
„Er verarscht dich, verdammt“, rief Franka und lachte Tränen. Ihr Gesicht sah so toll aus, wenn sie lachte. „Und im Übrigen glaube ich, Aussehen und Charakter sind auch voneinander abhängig. Je cooler und glücklicher du dich fühlst, desto besser siehst du aus, und andersrum.“
„Angeberin“, murmelte Flair. „War nur Spaß“, grinste sie, als Franka sich auf die Zunge biss.
„Aber es stimmt“, sagte ich. „Menschen, die ich bescheuert find, finde ich auch hässlich. Genauso, wie ich Menschen, die ich mag, schön finde.“
„Haargenau!“, rief Flair. „Bei mir ist es genauso.“
Wir grinsten uns an, weil wir wussten, dass wir einander cool fanden, innerlich und äußerlich.
„Ach, ich weiß nicht“, sagte Mad gedehnt und verbiss sich ein Lächeln, „ich hab dich echt gern, Flair, aber den Matsch auf deinem Kopf find ich trotzdem scheiße.“
Sie nahm sein Bierglas und schüttete ihm den Rest davon über den Kopf. „Gleichfalls.“
„War ein Witz“, sagte er und schüttelte seine Dreadlocks. „Ich mag deine Haare. Und zu deiner Frage, Blina, warum ich keine Brille, sondern Kontaktlinsen trage: Von Brille krieg ich Kopfweh.“
„Und außerdem ist Brille scheiße zu Dreadlocks“, sagte Franka. „Also, ich meine, es geht, aber nur in gewissen Fällen.“
Wir saßen zu fünft im Blina. Die Musik war super und der Kellner auch. Er hatte mir Bier gebracht, ohne sich zu erkundigen, ob ich schon sechzehn war. Woraus sich schließen ließ, dass er mich für sechzehn gehalten hatte. Ich grinste still vor mich hin.
„Was lachst du denn so heimlich?“, fragte Brian albern.
„Nur so“, sagte ich und nahm einen großen Schluck aus meinem Glas. Ich spürte schon das leicht benebelnde Gefühl und bewegte meinen Kopf hin und her, um den Schwindel zu genießen.
„Die is´ schon wieder betrunken“, kicherte Mad.
„Da redet der Richtige“, rief Flair. „Du bist bei deinem fünften Bier!“
Wir waren gerade richtig gut in Stimmung, als Joke kam. Er knallte sich zwischen Brian und Franka ins Ledersofa und schrie quer durchs Lokal, er wolle was Alkoholisches. Er sah richtig fertig aus, als hätte er seit ein paar Tagen keine Seife mehr gesehen. Seine Haare waren gelb gefärbt und mit Gel aufgestellt, aber sie wuchsen braun nach. Über seine linke Wange zog sich eine noch nicht verheilte Narbe. Ansonsten war er dreckig und ungewaschen. Irgendwie sah er aus, als hätte er eine Weile in einer Schlammpfütze gelegen. Er hatte seine grüngrauen Augen leicht zusammengekniffen.
„Du siehst schlimm aus“, sagte Franka und blickte ihn aus einiger Distanz an, als wolle sie ihm nicht zu nah kommen.
„Du auch“, sagte Joke ohne sie anzusehen.
„Was is´ n mit dir los?“, fragte Brian und hob eine Augenbraue. Ich tat automatisch dasselbe, um es zu üben.
„Scheißwichser“, brachte Joke heraus und presste dann beide Hände gegen seine Lippen.
Einen Moment herrschte Schweigen. Mein Magen zog sich zusammen. Irgendwas Schlimmes war passiert.
„Wer?“, fragte Mad.
„Die abgefuckten Scheiß-Scheiß-Nazis“, stieß Joke hervor. Er begann zu heulen. Es war das Schrecklichste, was ich bisher erlebt hatte. Joke war neunzehn und für meine Verhältnisse und Bekanntschaften der abgebrühteste, lustigste und fröhlichste Mensch, den ich kannte. Jetzt saß er da, die Ellbogen auf dem Tisch, die Fäuste an den Lippen, die Augenbrauen zusammengezogen, die Stirn in Falten und sein Oberkörper zuckte. Aus tränenverschleierten Augen starrte er stumpf vor sich hin. Franka legte ihm sofort eine Hand auf den Oberarm und sprach beruhigend auf ihn ein. Ich merkte, dass Flair neben mir auch zu weinen begann. Es war eine ihrer Eigenarten, zu weinen, wenn jemand anders weinte.
„Was ist passiert?“, fragte Mad.
„Ganz egal, was es ist, wir machen sie fertig“, sagte Brian und zog die Luft durch die Zähne, was er immer tat, wenn er seine Wut kaum noch zügeln konnte.
Joke schien kein Wort mehr rauszubringen. Er schluchzte immer heftiger. Dann brachte der Kellner eine ganze Flasche mit irgendwas Alkoholischem drin mit den Worten „dachte, er kann´ s brauchen, geht aufs Haus“ und Joke schüttete sich die Hälfte davon in die Kehle. Dann keuchte er erst mal eine Weile. Als ich dachte, er hätte sich beruhigt, begann er heftiger denn je zu weinen. Den Worten, die er zwischen den Schluchzern hervorstieß, konnten wir entnehmen, dass eine Gang Neonazis seine Halbschwester Nicole zusammengeschlagen hatte.
„Is´ im Krankenhaus. Und die Bullen ham die Nazis entwischen lassen. Ham zuerst mich und mein´ Kumpel verdächtigt. Ham uns mitgenommen, obwohl wir die Scheißidioten gerufen hatten, nachdem wir die Nazis vertrieben hatten, diese feigen, beschissenen, hirnkranken Arschlöcher. Ich halt´ s nich´ mehr aus, kann ich euch sagen. Ich halt´ s echt nich´ mehr aus.“
Nach diesen Worten kippte er sich den Rest aus der Flasche hinunter. Niemand hielt ihn davon ab.
„Hast du der Polizei gesagt, wer es war?“, fragte Mad.
„Hab die Namen von denen nich´ gewusst“, sagte Joke. „Hab gesagt, sechs Neonaziarschlöcher waren´ s, hat aber lang gebraucht, bis die das gecheckt hatten und dann ham sie so leicht skeptisch gefragt, ob ich Anzeige erstatten will. Hab ich gesagt, tu das lieber selbst regeln, statt so ´nen Scheiß abzuziehen. Anzeige, dass ich nicht lache. Dass sie Schmerzensgeld zahlen oder wie? Die gehören alle an die Wand, die Wichser.“
„Das hast du so gesagt?“, fragte Franka.
„Nich´ so, ne, nich´ direkt so, bin ja nich´ blöd.“
Eine Weile herrschte Schweigen. In mir war eine Wut aufgestiegen. Ich kannte Nicole. Nicht besonders gut, aber wir hatten schon öfter am selben Tisch gesessen. Sie war wahnsinnig nett.
Ihr Vater war Brasilianer.
Ihr Vater war Brasilianer.
Ihr Vater war Brasilianer.
Ich schluckte bitter. Eine Hand in meinem Innern drückte mir die Luft fast ab. Irgendetwas in mir verlangte unbeugsam nach Rache. Wie konnte man nur ... zu sechst ... ein siebzehnjähriges Mädchen ... krankenhausreif prügeln? Wie? Wie konnte man zu einer solchen Bestie werden? Wie war das möglich? Joke hatte Recht. Diese verdammten Scheißkerle gehörten umgebracht. Sie verdienten das Leben keine Sekunde.
„Wenn wir auch Gewalt anwenden sind wir nicht besser als sie“, sagte Flair plötzlich und unerwartet. „Wir dürfen uns nicht auf ihr verbrecherisches, brutales Niveau hinunterlassen.“
Joke und Brian schauten sie verständnislos an.
„So sehe ich das eigentlich auch“, sagte Mad. „Gewalt ist keine Lösung. Das mein ich ernst. Wenn wir uns rächen, führt das doch in einen Teufelskreis. Es wird immer so weitergehen. Immer auf diesem Niveau. Und wir werden genauso wie sie.“
„Mir ... mir ist das völlig egal“, stammelte Joke. „Mir isses egal, auf welches Kotzniveau ich mich runterlasse, solange ich ihnen ... solange ich ihnen nur Schmerzen zufügen kann.“
„Und das werden wir“, sagte Brian nachdrücklich. „Das werden wir auch, Junge.“
„Macht kein´ Scheiß, Jungs“, sagte Franka besorgt. „Du hast gesagt, du kennst nicht mal ihre Namen, Joke. Wie willst du die Typen wiedererkennen?“
„Hättest du nicht schon seit einer Stunde zuhause sein sollen?“, fragte Flair mich plötzlich. Ich zuckte zusammen. „Ja, shit.“
„Ich bring dich heim“, bot sie an.
„Ne, is´ schon okay.“
Ich gab ihr Geld, damit sie für mich zahlen konnte, verabschiedete mich und verließ das Lokal. Den Weg nach Hause rannte ich.

Donnerstag, 3. September 2015

Nostalgie



Und wenn das Alte dann dem Neuen weicht
spricht man davon, dass es ihm nicht mehr gleicht
und dass der Tag die Nacht doch nie erreicht
und das, was heute schwer war früher leicht.

So geht der Dienstag in den Mittwoch einfach über
und letzter Sonntag war mir eigentlich viel lieber
ich schleich herum, die Tatzen dieses Tigers,
der ich jetzt bin, warn einstmals erste Liga.
Und dieser Kopf war früher wirklich klüger
die Mode heute ist mir einfach viel zu bieder
Ich hör kaum mehr die schönen alten Lieder
und dass der Flieder heut noch blüht erscheint mir nieder.

Der Winter hat den Herbst jetzt ganz verdrängt
wer immer diese Welt nach vorne lenkt
er macht´s verkehrt, denn alles Gute hängt
ich hab mein Herz jetzt viel zu oft umsonst verschenkt
fühl mich mit jedem Tag ein bisschen mehr beschränkt
wer immer mir die Nostalgie ins Wasser mengt
ich dank ihm nie dafür, dass ich so denk.

Wenn unser Leben aus Veränderung besteht
wenn nur Bewegung macht, dass unsre Seele lebt
dann will ich lieben bis die Liebe geht
solang ich spüre, dass mein Herz noch schlägt
solang ich spüre, dass es sich bewegt.



((von Nadja Schuhmacher, Herbst 2012))

"Roll Schuh Fahren" von Nadja Schuhmacher




Stellt euch einen Menschen vor, der dem Maß der Vollkommenheit so nahe kommt, wie nur irgendwas auf diesem Planeten.

Nehmt seine Furchtlosigkeit wahr, seine Unerschrockenheit, wenn er eine Straße überquert, seine Unfähigkeit zu erröten, wenn er an einem heißen Sommertag auf eine Gruppe junger Leute zugeht und sie anspricht, ihnen eine Frage stellt, seine Gedanken mit ihnen teilt. Stellt euch einen Menschen vor, der nie über die Position seiner Hände sinniert, wenn er im Café sitzt und auf einen Kaffee wartet, der kein Problem hat, sich selbst, sprich, seinen Körper, in die Außenwelt, die Umwelt, die Welt, die ihn umgibt, einzufügen. Der so mühelos flaniert, spaziert oder marschiert, wie ein schwarzer Panther auf schmalem Grat, einem Ast des Dschungels.

Einen Menschen, der stets das rechte Wort weiß, die Kunst der rechten Stille kennt und anwendet, dessen Mund weder beim Sprechen noch beim Lachen oder in Entspannung merkwürdig aussieht. Der des Genusses wegen raucht, ohne dass es seinen Zähnen anzusehen, geschweige denn, in seinem Atem riechbar wäre. Stellt euch einen Menschen vor, der umzugehen weiß mit Werkzeug, Waffen, Technik und Verstand.

Wenn ihr euch diesen Menschen vorstellen könnt, wenn ihr ihn vor euch seht, wie er den Rahmen einer gewaltsam aufgebrochenen Tür richtet, als hätte er sein Lebtag nichts Anderes getan, obwohl es das erste Mal ist – wenn ihr seine Stimme vernehmen könnt, seine sanft betörende Sprache, wenn er auf die Frage eines engen Freundes Antwort gibt, woraufhin die Ratlosigkeit des Verzweifelten einem Ausdruck der Erleuchtung weicht.

Wenn ihr seine Aura spüren könnt, sobald er einen Raum betritt, in dem gleich eine fühl-, nicht hörbare Ruhe Einzug hält, ein spür- nicht hörbares Aufseufzen die Runde macht, als würde sich die Szenerie zaubergleich in einen waldigen Berghain versetzen, mit frischer Luft und den kleinen kitzel-glitzernden Geräuschen eines Quellbachs.

Wenn ihr ihn also vor euch seht, diesen Menschen, seine formlose freche Frisur, sein gewinnendes Lachen, seine animalisch fließenden Bewegungen, seine ganze Größe, Gestalt, sein Gesicht, die Sanftheit seiner Augen, das Glitzern, das bisweilen seinen Blick beseelt, dann seht ihr ihn – Loriki El, wohnhaft in L., beliebt, frei, selbstbewusst, selbstständig, gutmütig, Verletzungen vermeidend, ein Frauenschwarm, aber kein Held.





Und nun stellt euch einen Menschen vor, nein, keinen Menschen – stellt euch eine Frau vor. Eine Frau, die ist, wie sie ist. Fehlerhaft, hysterisch, laut und temperamentvoll im einen, eiskalt im andern Moment. Schüchtern, unsicher, stellt euch vor, wie sie den Blick niederschlägt, zurückweicht, die Sprache verliert, und dann wieder laut lacht, den Kopf in den Nacken wirft, schreit und redet ohne nachzudenken. Stellt sie euch vor, wie sie überall anstößt, wenn sie eine wenig vertraute Wohnung betritt, wie sie alle in Verlegenheit bringt durch ihre eigene Verlegenheit, wie sie irgendwann flieht, ohne sich zu verabschieden.

Wie sie lügt, weil sie die Wahrheit nicht kennt, wie sie mit der Wahrheit herausplatzt, weil sie die Gefahr nicht einschätzt, wie sie Unfrieden und Verwirrung stiftet, sich an einer Sache festbeißt, wochenlang, um dann, nach der Lektüre eines Buchs oder Zeitungsartikels, ihre ganze Meinung über Bord zu werfen, und nie wieder daran glauben will.

Stellt euch das Chaos vor, in dem sie lebt, und die penible Ordnung, wenn sie einmal sauber gemacht hat, natürlich am schlechtest gewählten Zeitpunkt, an einem Tag, der mit drei Terminen aufgewartet hätte, oder in einer Nacht, in der sie besser schlafen hätte sollen.

Seht ihr sie vor euch?

Ihr wirres, unordentliches Haar, das sich für keinen Schnitt entscheiden will, ihr zum Erröten wie geschaffenes Gesicht, ihre Augen, mal von fieberhaftem Glanz beherrscht, mal tiefdunkel wie die eines überzeugten Melancholikers. Ihre zügellosen Lippen, die sie zum Lachen aufreißt und zu jedem anderen Zeitpunkt aufeinanderpresst, an ihnen kaut, beißt und nagt, die sie verzieht, ableckt, nur nicht entspannt und stillhält.

Seht ihr, wie sie sich bewegt, es würde Bücher füllen, dies zu beschreiben, so sag ich nur vier Worte, die es auch tun: Es ist nie gleich.

Sie heißt Feli Engine. Ob der Nachname deutsch oder englisch ausgesprochen wird, weiß sie nicht. Sie sagt ihn mal so, mal so. Mit beidem hat sie ihre Probleme schon gehabt, entscheiden kann sie sich nicht.

Es gibt auch keinen Menschen, den sie danach fragen könnte. Die Gründe hierfür bleiben vorerst der wie auch immer gearteten Fantasie des geschätzten Lesers überlassen.

Donnerstag, 9. Juli 2015

Für Schlaf(losigkeit) und Frieden



Hören wir endlich auf, gegen Einzelpersonen zu feindeln. Kein Mensch darf beschuldigt werden, verbal angegriffen werden oder sonstwie in seinem schlichten Dasein verunsichert werden. Keine Berufsgruppe darf beschimpft, keine Interessengemeinschaft belächelt werden... kein Mensch darf verantwortlich gemacht werden für den Zustand der Welt.
(bitte)...
Nicht die Mutter mit dem Kaffee-Latte in der Hand, nicht die Vegetarierin mit Ledersandalen, nicht der Polizist in Uniform, nicht der Mensch im O2-Laden, nicht die Schüler am I-Phone, nicht der Facebooknutzer, nicht der Kindergärtner, nicht die Bäckerin, nicht der Bauarbeiter, nicht die Punkerin, nicht die Ehefrau am Bügelbrett, nicht der Fernsehende, nicht der Journalist im Auto, nicht die Nackte am Fenster, nicht der Hippie unterm Baum, nicht der Alkoholiker aus der Nachbarschaft, nicht das Kind in der Supermarktschlange weiter vorne, nicht der Künstler am Schreibtisch, nicht der Büroarbeiter mit dem Stempel, nicht der Politiker, der eine Unterschrift setzt. Nicht der Sachse, nicht der Bayer, nicht der Manager, nicht der Fleischesser, nicht der Clubgänger, nicht der Japaner, nicht der Afghane (...), nicht der Alte, nicht der Deutsche, nicht der Tourist, nicht die Andersdenkende, nicht die Andersaussehende, nicht der Althippie, nicht der Neonazi, nicht die Lesbe, nicht die Ärztin, nicht der Feminist, nicht die Arbeitslose, nicht die im Strickkleid, nicht der in Leggins, nicht die im Minirock, nicht die Grüne, nicht die Unpolitische, nicht der FDP-Wähler, nicht der Moderator auf Pro7. Hören wir auf, menschenverachtend zu denken/sprechen. Oder versuchen wir wenigstens, unser persönliches Feindbild auf einer anderen Ebene schätzen zu lernen. Nehmen wir Rücksicht auf der Straße, in öffentlichen Einrichtungen und im Internet. Wir sind alle Gefangene desselben Systems. Keiner von uns trägt Schuld am Zustand der Welt, wie sie jetzt ist. Keiner von uns ist 10000 Jahre alt. Und keiner von uns hat den Schlüssel für das Schloss der Tür nach draußen.
Ansonsten: Weiter so! Kämpft an eurer persönlichen Front! Aber nicht gegen Menschen.
Ich möchte nicht die Frau im Pelzmantel bemängeln, sondern einen Zustand.
Ich will nicht von Fremden verbal angegangen werden, weil ich Ledersandalen trage.
Ich will auch niemanden mehr kränken, weil er die Klospülung zweimal betätigt, versprochen.
Ich will keinen Polizisten anpöbeln, weil er eine Uniform anhat.
Ich will niemandem falsches Verhalten vorwerfen, falschen Konsum, ...
Es ist die Industrie, die die Umwelt zerstört, nicht der einzelne Mensch.
Hören wir auf, von Liebe zu sprechen, die wir doch nur bestimmten Auserwählten in bestimmten Momenten gegenüber empfinden. Fangen wir an, von Frieden zu sprechen.
Und wenn wir nur in Gut und Böse denken können – dann möchte ich nicht gut sein – ich möchte gut sein zu dir. Zu meinem Gegenüber.

Donnerstag, 25. Juni 2015

Für Inge (Borgi)






Balkonien, Balkonien, wir träumen von Geranien
die Oma und ihre Enkelin
zwei Türen führen uns dorthin
zwei Sonnenschirme, gelb und blau
wild und grün unten, die Gartenau
dort, wo im Frühling die Krokusse blühn,
treff ich meine Oma, und sie ihr Enkelkind.
:-)

Donnerstag, 18. Juni 2015

Jedwede Tat ist leer




Jedwede Tat ist leer, so leer sind Taten


Besucht hat er mich hier, da flog ein Mond weg.


Eben lag der Tag in wahrhaft tiefem Schlaf.

Ein Chor bedient sich Worten, Ohren lauscht.

Die Raben fahren Teufeln gleich im Meer.

Du wehst und wogst und lebst so traumlandschaftlich

Bestrebt, ein karges, niedres Los zu ziehn.



Ich sah dich nie im Diesseits trüber Gläser

Monde strahlen nah und Fernweh ruft nach mir

Ein Bernstein leuchtet irgendwo für den

der Fönwind hört, um schließlich gleich der Seele

den Fuß vor Fuß zu heben ohne Reue

belohnt durch Ehre, Siege, Königsthron.



Jedwede Tat ist leer, so leer sind Taten

Bebenden Gedankenraums entsprangst auch du

und fielst du tief, in tiefstes, schwarzes Leer

da siehst du sie und ihn erhangen, leblos, starr

erlegen dem bedeutungslosen Sehnen

obschon durch Schmerzen Tote auferstehn.










Die Birke liebt als Nachbarin der Fichte

die Wärme dieses Nadelbaumgewächses

sie stach sie zwar und nicht umsonst umschreibt

ein Gott den dunkelgrünen, spitzen Baum

mit jenen Attributen bös und finster

sie steht in dichtem Hain im Fichtenwald.