Dienstag, 23. April 2013

Ein verrückter Krimi und eine verrückte Lebensgeschichte – Svenja Bunt und Kurt Greve schreiben über die Psychose


„Ein verrückter Krimi“ heißt es im Untertitel von Svenja Bunts Roman Frau Mühlenbauer und die Geiseln des Psychiaters. Ein klassischer Krimi ist ihr Buch wohl nicht, aber eine verrückte Welt, in der wir leben.


„Die Psychiatrie steht vielen psychischen Erkrankungen so hilflos gegenüber wie ein Baby einer Feuersbrunst“, meint die Autorin, psychoseerfahren und promovierte Philosophin.


Ihre Auseinandersetzung mit der Psychose und den Therapien der Psychiater präsentiert sie als Krimi, in Wahrheit aber handelt es sich eher um einen platonischen Dialog zwischen den beiden Hauptfiguren Angelika Mühlenbauer und Zwickli. Die beiden Frauen sind als Schreibkräfte in einem psychiatrischen Krankenhaus tätig. Tatsächlich aber betätigen sie sich dort als Detektivin (Mühlenbauer) und als Forscherin (Zwickli). Sie freunden sich an und besprechen täglich in der Mittagspause die denkwürdigen Vorgänge in der Klinik und gelangen schließlich zu der Überzeugung, dass sich ein Gewaltverbrechen gegen die Chefin, Frau Professor Mäusel, anbahnt. Denn die ist ein Drachen und „trampelt ... auf den Seelen ihrer Mitarbeiter herum“. Quasi nebenbei erläutert Zwickli ihrer Freundin alles, was sie über die „Erkrankung“ weiß, über Nutzen und Schaden von Medikamenten, über das Denken und Fühlen von Psychotikern, ihre große Kreativität, über „recovery“ als Weg zu einem „guten Leben“. Bis es dann, beinah überraschend, doch noch zu einer Art Krimihandlung kommt und Angelika unversehens in Lebensgefahr gerät ...

Den Lebensbericht, quasi ergänzend zu diesem philosophischen Krimi, liefert Kurt Greve in seinem Buch Lust auf Leben: Ich bin schizophren – na und? Nüchtern und sachlich beschreibt er alle Höhen und Tiefen eines Lebens mit der Psychose, seine Kindheit, eine Vorgeschichte enttäuschter beruflicher Hoffnungen in der kalten deutschen Wettbewerbsgesellschaft nach dem Ende der DDR, den Ausbruch der Krankheit, die Medikamente und ihre Nebenwirkungen, die Erholung, den Rückfall, die Angst. „Ständig saß mir die Angst im Nacken, erneut rückfällig zu werden, und eine einzige Frage drängte sich auf: Werde ich für immer schizophren bleiben?“ Kurt Greve ist einen dornigen Weg gegangen, aber er hat es geschafft, mit bewundernswerter Energie für sich ein „gutes Leben“ zu schaffen, wie Svenja Bunt es nennt: mit ehrenamtlichem Engagement in der Jugendarbeit, großzügigem Einsatz seines Organisationstalents – und seiner Computerkenntnisse – für das Gemeinwohl und einem unbezwingbarem Optimismus. Hut ab.

Svenja Bunt, Frau Mühlenbauer und die Geiseln des Psychiaters. Ein verrückter Krimi, ca. 203 Seiten, 2,70 Euro
 http://tinyurl.com/ca796el

Kurt Greve, Lust auf Leben: Ich bin schizophren, na und? 119 Seiten, 4,99 Euro
http://tinyurl.com/bvrrdld 

1 Kommentar:

  1. DANKEschön für diese tolle Rezension. "Lust aufs Leben" ist meine Autobiographie, die mein Stiefvater, Kurt Greve, und ich gemeinsam geschrieben haben.

    Herzliche Grüße
    Thomas Greve

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