Freitag, 4. September 2015

Den Weg nach Hause rannte ich - Auszug aus der Geschichte "Blina und Flair"



2. Kapitel, das von Gesprächen von Schönheit von Gewalt handelt




Seit diesem Tag sahen wir uns regelmäßig. Manchmal ging ich ins Flair, wenn sie nicht im Blina war. Manchmal kam sie zu mir nach Hause, wenn sie mich nicht im Blina getroffen hatte. Es war nicht so, dass es eine von uns gestört hätte, dass die andere sie ständig suchte. Seit wir wussten, wie wir hießen, war uns beiden klar, dass wir zusammengehörten. Wir profitierten beide ungemein von dieser Freundschaft. Wenn wir zu zweit waren, gab es kein Mädchen nirgendwo sonst auf der Welt, dass sich mit uns an Selbstbewusstsein, Witz und Schlagfertigkeit messen hätte können. Wir fühlten uns einfach vollkommen sicher, wenn wir zusammen waren. Weil wir uns so gut kannten. Ich hatte mit ihr soviel Spaß wie noch nie in meinem Leben und durch Flair kam ich das erste Mal richtig in Kontakt mit Jungs, außerschulisch, versteht sich. Trotz ihrer schäbigen Frisur hatte sie eine Menge richtig cooler Freunde. Tatsächlich wurde sie wegen ihrer Haare eher von anderen Mädchen diskriminiert als von Jungs. Mir wurde ganz, ganz langsam klar, dass für coole Menschen das Aussehen nicht wichtig ist. Und dennoch sind coole Menschen sehr viel anspruchsvoller als all diese eingebildeten, uncoolen Tussis und Machos.
„Aussehen ist fucking scheißegal“, sagte Mad zu mir. Er war nicht mehr nüchtern, redete aber doch klügere Sachen als meine Eltern, die niemals Alkohol zu sich nehmen. „Damit will ich nicht sagen, dass du nicht gut aussiehst, Blina. Versteh mich nicht falsch. Ich will sagen, Schönheit ist Schrott genauso wie Hässlichkeit. Ich will es pauschal sagen und nicht persönlich, verstehst du? Es ist wichtig, wie der Mensch innerlich aussieht. Das ist oft nur so daher gesagt, aber es ist wirklich so. Wenn du innerlich in Ordnung bist, wirst du kein Problem in dieser Scheißwelt haben, zumindest nicht mit Integration und so. Ansonsten wirst du natürlich eine Menge Scheißprobleme mit dieser kranken Welt haben, unter der Vorraussetzung, dass du innerlich in Ordnung bist. Aber das ist nicht das Thema, verstehst du? Sieh dich an diesem Tisch um, Blina. Siehst du die Leute, die hier sitzen? Sie sitzen nicht hier, weil sie sich die Haare grün gefärbt haben oder weil sie bestimmte Schuhe tragen. Sie sitzen hier, weil sie innerlich was drauf haben. Und Menschen, die innerlich was drauf haben, erkennen Menschen, die innerlich was drauf haben, verstehst du? Deshalb sitzen wir hier. Hier versammelt. Wenn einer von uns erst mal wieder einen gefunden hat, der was drauf hat, und das heißt nichts anderes, als dass er schlichtweg in Ordnung ist, dann kommt der zu uns dazu, ganz egal, wie er aussieht. Verstehst du?“
„Klar hat sie, sie ist nicht blöd. Frag nicht immer `verstehst du?´, Mad“, sagte Flair.
Ich grinste. Ich mochte es, wenn er `verstehst du?´ fragte.
„Aber wenn Aussehen so egal ist, warum laufen wir dann nicht alle nackt durch die Gegend ohne jemals in einen Spiegel zu schauen?“, fragte ich lachend, aber ich meinte es ernst. „Ich meine, sieh dir Franka an. Sie ist mit dir sicher völlig einer Meinung, also, mit dem, was du gerade gesagt hast, aber trotzdem schminkt sie sich und trägt einfach tolle Kleidung. Ihre Haare sind der Wahnsinn. Oder du selbst: Warum trägst du Kontaktlinsen statt einer Brille? Oder ich: Warum schneid ich meine Haare nicht ab, wär viel einfacher so.“
„Na ja“, sagte Mad gedehnt. „Ich will nicht sagen, Aussehen sei nicht wichtig.“
„Hast du aber. Ich zitiere: Aussehen ist scheißegal.“
„Aussehen ist ja auch scheißegal. Für uns. Aber andererseits auch wieder nicht.“
„Je besser man aussieht, desto besser fühlt man sich. Manche werden dadurch einfach selbstbewusst und offen, andere eingebildet und zickig“, mischte sich Flair ein.
„Wirklich starke Menschen sind auch selbstbewusst und offen, ohne dass sie besonders aussehen“, sagte Mad.
„Trotzdem richten sich die meisten so gut sie können her, einfach, um sich besser zu fühlen. Ich denke manchmal: besser kann ich nicht aussehen, ich gebe schon alles, also seid zufrieden!“ Flair schlug mit der Faust auf den Tisch.
„Na, na, na“, sagte Mad. “Du könntest schon was aus deinen Haaren machen.“
„Aussehen ist Zwang“, sagte Brian. „Wenn du nicht nach irgendwas aussiehst, kommst du in gewissen Kreisen einfach nicht an.“
„In solchen kranken Kreisen will ich gar nicht ankommen“, sagte Mad.
„Zu solchen Kreisen zähle ich Lehrer“, fuhr Brian unbeeindruckt fort. „Eigentlich die meisten Erwachsenen. Arbeitgeber. Politiker. Reiche. Alle, bei denen du ankommen willst, um Einfluss zu gewinnen. Um etwas zu erreichen. Um etwas zu bewirken. Und du kannst nicht behaupten, du wolltest nichts bewirken? Du musst nach irgendetwas aussehen, um etwas zu erreichen.“
„Du hast nicht kapiert, was ich gemeint hab“, sagte Mad gekränkt. „Du redest von was ganz anderem, als ich erklärt hab. Du verstehst nicht das Thema.“
„Kein Wunder, ich hab dir ja auch gar nicht richtig zugehört“, meinte Brian und grinste unschuldig.
„Es geht darum, dass Aussehen kein Kriterium für das Persönliche sein sollte“, sagte Mad leicht gequält.
„Es interessiert mich nicht, worum es geht“, klärte Brian seinen Freund hämisch auf. „Ich wollte nur ein paar intelligente Sätze ablassen, um Franka zu beeindrucken, weil sie heute einfach geil aussieht.“
„Seht ihr, er hat nichts begriffen“, greinte Mad.
„Er verarscht dich, verdammt“, rief Franka und lachte Tränen. Ihr Gesicht sah so toll aus, wenn sie lachte. „Und im Übrigen glaube ich, Aussehen und Charakter sind auch voneinander abhängig. Je cooler und glücklicher du dich fühlst, desto besser siehst du aus, und andersrum.“
„Angeberin“, murmelte Flair. „War nur Spaß“, grinste sie, als Franka sich auf die Zunge biss.
„Aber es stimmt“, sagte ich. „Menschen, die ich bescheuert find, finde ich auch hässlich. Genauso, wie ich Menschen, die ich mag, schön finde.“
„Haargenau!“, rief Flair. „Bei mir ist es genauso.“
Wir grinsten uns an, weil wir wussten, dass wir einander cool fanden, innerlich und äußerlich.
„Ach, ich weiß nicht“, sagte Mad gedehnt und verbiss sich ein Lächeln, „ich hab dich echt gern, Flair, aber den Matsch auf deinem Kopf find ich trotzdem scheiße.“
Sie nahm sein Bierglas und schüttete ihm den Rest davon über den Kopf. „Gleichfalls.“
„War ein Witz“, sagte er und schüttelte seine Dreadlocks. „Ich mag deine Haare. Und zu deiner Frage, Blina, warum ich keine Brille, sondern Kontaktlinsen trage: Von Brille krieg ich Kopfweh.“
„Und außerdem ist Brille scheiße zu Dreadlocks“, sagte Franka. „Also, ich meine, es geht, aber nur in gewissen Fällen.“
Wir saßen zu fünft im Blina. Die Musik war super und der Kellner auch. Er hatte mir Bier gebracht, ohne sich zu erkundigen, ob ich schon sechzehn war. Woraus sich schließen ließ, dass er mich für sechzehn gehalten hatte. Ich grinste still vor mich hin.
„Was lachst du denn so heimlich?“, fragte Brian albern.
„Nur so“, sagte ich und nahm einen großen Schluck aus meinem Glas. Ich spürte schon das leicht benebelnde Gefühl und bewegte meinen Kopf hin und her, um den Schwindel zu genießen.
„Die is´ schon wieder betrunken“, kicherte Mad.
„Da redet der Richtige“, rief Flair. „Du bist bei deinem fünften Bier!“
Wir waren gerade richtig gut in Stimmung, als Joke kam. Er knallte sich zwischen Brian und Franka ins Ledersofa und schrie quer durchs Lokal, er wolle was Alkoholisches. Er sah richtig fertig aus, als hätte er seit ein paar Tagen keine Seife mehr gesehen. Seine Haare waren gelb gefärbt und mit Gel aufgestellt, aber sie wuchsen braun nach. Über seine linke Wange zog sich eine noch nicht verheilte Narbe. Ansonsten war er dreckig und ungewaschen. Irgendwie sah er aus, als hätte er eine Weile in einer Schlammpfütze gelegen. Er hatte seine grüngrauen Augen leicht zusammengekniffen.
„Du siehst schlimm aus“, sagte Franka und blickte ihn aus einiger Distanz an, als wolle sie ihm nicht zu nah kommen.
„Du auch“, sagte Joke ohne sie anzusehen.
„Was is´ n mit dir los?“, fragte Brian und hob eine Augenbraue. Ich tat automatisch dasselbe, um es zu üben.
„Scheißwichser“, brachte Joke heraus und presste dann beide Hände gegen seine Lippen.
Einen Moment herrschte Schweigen. Mein Magen zog sich zusammen. Irgendwas Schlimmes war passiert.
„Wer?“, fragte Mad.
„Die abgefuckten Scheiß-Scheiß-Nazis“, stieß Joke hervor. Er begann zu heulen. Es war das Schrecklichste, was ich bisher erlebt hatte. Joke war neunzehn und für meine Verhältnisse und Bekanntschaften der abgebrühteste, lustigste und fröhlichste Mensch, den ich kannte. Jetzt saß er da, die Ellbogen auf dem Tisch, die Fäuste an den Lippen, die Augenbrauen zusammengezogen, die Stirn in Falten und sein Oberkörper zuckte. Aus tränenverschleierten Augen starrte er stumpf vor sich hin. Franka legte ihm sofort eine Hand auf den Oberarm und sprach beruhigend auf ihn ein. Ich merkte, dass Flair neben mir auch zu weinen begann. Es war eine ihrer Eigenarten, zu weinen, wenn jemand anders weinte.
„Was ist passiert?“, fragte Mad.
„Ganz egal, was es ist, wir machen sie fertig“, sagte Brian und zog die Luft durch die Zähne, was er immer tat, wenn er seine Wut kaum noch zügeln konnte.
Joke schien kein Wort mehr rauszubringen. Er schluchzte immer heftiger. Dann brachte der Kellner eine ganze Flasche mit irgendwas Alkoholischem drin mit den Worten „dachte, er kann´ s brauchen, geht aufs Haus“ und Joke schüttete sich die Hälfte davon in die Kehle. Dann keuchte er erst mal eine Weile. Als ich dachte, er hätte sich beruhigt, begann er heftiger denn je zu weinen. Den Worten, die er zwischen den Schluchzern hervorstieß, konnten wir entnehmen, dass eine Gang Neonazis seine Halbschwester Nicole zusammengeschlagen hatte.
„Is´ im Krankenhaus. Und die Bullen ham die Nazis entwischen lassen. Ham zuerst mich und mein´ Kumpel verdächtigt. Ham uns mitgenommen, obwohl wir die Scheißidioten gerufen hatten, nachdem wir die Nazis vertrieben hatten, diese feigen, beschissenen, hirnkranken Arschlöcher. Ich halt´ s nich´ mehr aus, kann ich euch sagen. Ich halt´ s echt nich´ mehr aus.“
Nach diesen Worten kippte er sich den Rest aus der Flasche hinunter. Niemand hielt ihn davon ab.
„Hast du der Polizei gesagt, wer es war?“, fragte Mad.
„Hab die Namen von denen nich´ gewusst“, sagte Joke. „Hab gesagt, sechs Neonaziarschlöcher waren´ s, hat aber lang gebraucht, bis die das gecheckt hatten und dann ham sie so leicht skeptisch gefragt, ob ich Anzeige erstatten will. Hab ich gesagt, tu das lieber selbst regeln, statt so ´nen Scheiß abzuziehen. Anzeige, dass ich nicht lache. Dass sie Schmerzensgeld zahlen oder wie? Die gehören alle an die Wand, die Wichser.“
„Das hast du so gesagt?“, fragte Franka.
„Nich´ so, ne, nich´ direkt so, bin ja nich´ blöd.“
Eine Weile herrschte Schweigen. In mir war eine Wut aufgestiegen. Ich kannte Nicole. Nicht besonders gut, aber wir hatten schon öfter am selben Tisch gesessen. Sie war wahnsinnig nett.
Ihr Vater war Brasilianer.
Ihr Vater war Brasilianer.
Ihr Vater war Brasilianer.
Ich schluckte bitter. Eine Hand in meinem Innern drückte mir die Luft fast ab. Irgendetwas in mir verlangte unbeugsam nach Rache. Wie konnte man nur ... zu sechst ... ein siebzehnjähriges Mädchen ... krankenhausreif prügeln? Wie? Wie konnte man zu einer solchen Bestie werden? Wie war das möglich? Joke hatte Recht. Diese verdammten Scheißkerle gehörten umgebracht. Sie verdienten das Leben keine Sekunde.
„Wenn wir auch Gewalt anwenden sind wir nicht besser als sie“, sagte Flair plötzlich und unerwartet. „Wir dürfen uns nicht auf ihr verbrecherisches, brutales Niveau hinunterlassen.“
Joke und Brian schauten sie verständnislos an.
„So sehe ich das eigentlich auch“, sagte Mad. „Gewalt ist keine Lösung. Das mein ich ernst. Wenn wir uns rächen, führt das doch in einen Teufelskreis. Es wird immer so weitergehen. Immer auf diesem Niveau. Und wir werden genauso wie sie.“
„Mir ... mir ist das völlig egal“, stammelte Joke. „Mir isses egal, auf welches Kotzniveau ich mich runterlasse, solange ich ihnen ... solange ich ihnen nur Schmerzen zufügen kann.“
„Und das werden wir“, sagte Brian nachdrücklich. „Das werden wir auch, Junge.“
„Macht kein´ Scheiß, Jungs“, sagte Franka besorgt. „Du hast gesagt, du kennst nicht mal ihre Namen, Joke. Wie willst du die Typen wiedererkennen?“
„Hättest du nicht schon seit einer Stunde zuhause sein sollen?“, fragte Flair mich plötzlich. Ich zuckte zusammen. „Ja, shit.“
„Ich bring dich heim“, bot sie an.
„Ne, is´ schon okay.“
Ich gab ihr Geld, damit sie für mich zahlen konnte, verabschiedete mich und verließ das Lokal. Den Weg nach Hause rannte ich.

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