Donnerstag, 3. September 2015

"Roll Schuh Fahren" von Nadja Schuhmacher




Stellt euch einen Menschen vor, der dem Maß der Vollkommenheit so nahe kommt, wie nur irgendwas auf diesem Planeten.

Nehmt seine Furchtlosigkeit wahr, seine Unerschrockenheit, wenn er eine Straße überquert, seine Unfähigkeit zu erröten, wenn er an einem heißen Sommertag auf eine Gruppe junger Leute zugeht und sie anspricht, ihnen eine Frage stellt, seine Gedanken mit ihnen teilt. Stellt euch einen Menschen vor, der nie über die Position seiner Hände sinniert, wenn er im Café sitzt und auf einen Kaffee wartet, der kein Problem hat, sich selbst, sprich, seinen Körper, in die Außenwelt, die Umwelt, die Welt, die ihn umgibt, einzufügen. Der so mühelos flaniert, spaziert oder marschiert, wie ein schwarzer Panther auf schmalem Grat, einem Ast des Dschungels.

Einen Menschen, der stets das rechte Wort weiß, die Kunst der rechten Stille kennt und anwendet, dessen Mund weder beim Sprechen noch beim Lachen oder in Entspannung merkwürdig aussieht. Der des Genusses wegen raucht, ohne dass es seinen Zähnen anzusehen, geschweige denn, in seinem Atem riechbar wäre. Stellt euch einen Menschen vor, der umzugehen weiß mit Werkzeug, Waffen, Technik und Verstand.

Wenn ihr euch diesen Menschen vorstellen könnt, wenn ihr ihn vor euch seht, wie er den Rahmen einer gewaltsam aufgebrochenen Tür richtet, als hätte er sein Lebtag nichts Anderes getan, obwohl es das erste Mal ist – wenn ihr seine Stimme vernehmen könnt, seine sanft betörende Sprache, wenn er auf die Frage eines engen Freundes Antwort gibt, woraufhin die Ratlosigkeit des Verzweifelten einem Ausdruck der Erleuchtung weicht.

Wenn ihr seine Aura spüren könnt, sobald er einen Raum betritt, in dem gleich eine fühl-, nicht hörbare Ruhe Einzug hält, ein spür- nicht hörbares Aufseufzen die Runde macht, als würde sich die Szenerie zaubergleich in einen waldigen Berghain versetzen, mit frischer Luft und den kleinen kitzel-glitzernden Geräuschen eines Quellbachs.

Wenn ihr ihn also vor euch seht, diesen Menschen, seine formlose freche Frisur, sein gewinnendes Lachen, seine animalisch fließenden Bewegungen, seine ganze Größe, Gestalt, sein Gesicht, die Sanftheit seiner Augen, das Glitzern, das bisweilen seinen Blick beseelt, dann seht ihr ihn – Loriki El, wohnhaft in L., beliebt, frei, selbstbewusst, selbstständig, gutmütig, Verletzungen vermeidend, ein Frauenschwarm, aber kein Held.





Und nun stellt euch einen Menschen vor, nein, keinen Menschen – stellt euch eine Frau vor. Eine Frau, die ist, wie sie ist. Fehlerhaft, hysterisch, laut und temperamentvoll im einen, eiskalt im andern Moment. Schüchtern, unsicher, stellt euch vor, wie sie den Blick niederschlägt, zurückweicht, die Sprache verliert, und dann wieder laut lacht, den Kopf in den Nacken wirft, schreit und redet ohne nachzudenken. Stellt sie euch vor, wie sie überall anstößt, wenn sie eine wenig vertraute Wohnung betritt, wie sie alle in Verlegenheit bringt durch ihre eigene Verlegenheit, wie sie irgendwann flieht, ohne sich zu verabschieden.

Wie sie lügt, weil sie die Wahrheit nicht kennt, wie sie mit der Wahrheit herausplatzt, weil sie die Gefahr nicht einschätzt, wie sie Unfrieden und Verwirrung stiftet, sich an einer Sache festbeißt, wochenlang, um dann, nach der Lektüre eines Buchs oder Zeitungsartikels, ihre ganze Meinung über Bord zu werfen, und nie wieder daran glauben will.

Stellt euch das Chaos vor, in dem sie lebt, und die penible Ordnung, wenn sie einmal sauber gemacht hat, natürlich am schlechtest gewählten Zeitpunkt, an einem Tag, der mit drei Terminen aufgewartet hätte, oder in einer Nacht, in der sie besser schlafen hätte sollen.

Seht ihr sie vor euch?

Ihr wirres, unordentliches Haar, das sich für keinen Schnitt entscheiden will, ihr zum Erröten wie geschaffenes Gesicht, ihre Augen, mal von fieberhaftem Glanz beherrscht, mal tiefdunkel wie die eines überzeugten Melancholikers. Ihre zügellosen Lippen, die sie zum Lachen aufreißt und zu jedem anderen Zeitpunkt aufeinanderpresst, an ihnen kaut, beißt und nagt, die sie verzieht, ableckt, nur nicht entspannt und stillhält.

Seht ihr, wie sie sich bewegt, es würde Bücher füllen, dies zu beschreiben, so sag ich nur vier Worte, die es auch tun: Es ist nie gleich.

Sie heißt Feli Engine. Ob der Nachname deutsch oder englisch ausgesprochen wird, weiß sie nicht. Sie sagt ihn mal so, mal so. Mit beidem hat sie ihre Probleme schon gehabt, entscheiden kann sie sich nicht.

Es gibt auch keinen Menschen, den sie danach fragen könnte. Die Gründe hierfür bleiben vorerst der wie auch immer gearteten Fantasie des geschätzten Lesers überlassen.

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